SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
NR.84 /13.04.95

Der Fluß der Zukunft

Die ausgezeichnete TV-Dokumentation über den Mekong.

Dokumentarfilmer kartographieren die Welt, und es gibt kaum einen Ort, den sie uns noch nicht gezeigt hätten. Der Mekong, einer der größten Flüsse der Erde, war einer der letzten weißen Flecken auf dem TV- Globus. Eine deutsche Gruppe von Filmautoren (Bernd Girrbach, Rolf Lambert, Manfred Linke und Elke Werry) hatte das Glück, als erstes Filmteam Drehgenehmigungen von allen Anrainerstaaten zu bekommen. Ein Glücksfall auch für die Zuschauer.
Vom kleinen Rinnsal auf dem tibetischen Hochland bis zum gigantischen Flußdelta in Vietnam, wo er schließlich ins Südchinesische Meer mündet, haben die Autoren den Fluß bereist. Herausgekommen ist kein Reise- TV und kein Abenteuerbericht, sondern das spannende Porträt einer Region im Aufbruch. Der Mekong, die Lebensader Südostasiens, als Band, der die sich öffnenden Anrainerstaaten zusammenbringt: Ein "goldenes Viereck" planen China, Laos, Burma und Thailand - kein Viereck der Drogen, sondern eines des Handels, des Tourismus, der Modernisierung. Der Fluß soll endlich genutzt werden, die Chinesen möchten ihn zu einer "Warenautobahn" ausbauen. Wir bekommen das Bild eines Flusses zu sehen, den es so unberührt und ökologisch intakt bald nicht mehr geben wird.
Wunderschöne Bilder haben die Filmemacher von der Landschaft eingefangen, auflockernde Abstecher in Kultur, Religion, und Geschichte eingefügt. Im Mittelpunkt aber stehen die Menschen, die am Fluß wohnen und von ihm leben. Einfühlsam begleitet die Kamera den Händler Zong Wü, den Käpitän Xieng, die Goldwäscherin Thip; läßt sie von ihrer Familie, von ihrer Arbeit und manchmal völlig Nebensächlichem plaudern, das mehr über das Leben am Fluß verrät, als es angestrengte Kommentare vermögen.
Überhaupt der Kommentar: ein unverkrampfter, manchmal angenehm beiläufiger Tonfall zeichnet ihn aus. Nicht schwärmerisch, nicht polemisch, nicht anprangernd. Die Menschen erzählen auch am besten selbst von ihren Problemen: die ersten Dämme sind gebaut; Felder überflutet, die Fische bleiben plötzlich aus. "Wenn wir jetzt nicht anfangen, etwas zu tun", sagt der laotische Fischer Noumai, "werden unsere Kinder bald keine Zukunft mehr haben." Die Zukunft am Mekong, das ahnt der Zuschauer, wird Menschen wie dem chinesischen Ingenieur Chen gehören, der strahlend von den 14 Dämmen erzählt, die seine Regierung noch bauen wird: "Die anderen werden noch größer und noch besser."
KAI STRITTMATTER

 

DIE ZEIT
14.04.95

Für immer fließen lassen

" Mekong"

Opas Fernsehen hatte ja doch seine Reize. Die Ruhe zum Beispiel. Die fahrende, schweifende, verharrende Kamera, deren Blick von keinem Schnitt unterbrochen wurde. Die wiedererkennbare Hauptfigur, die sanft durch den Film leitete. Die geheimnisvolle und doch väterliche voice over, die sagte, was zu sagen war. Und eine Musik von echten Instrumenten, die noch schallten und sangen.
Heute ist die Ruhe hin. Wenn der Zuschauer nicht bald den nächsten Schnitt verpaßt kriegt, besorgt er ihn sich selber,. indem er auf der Fernbedienung zappt. Wenn er eine Figur wiedererkennt, beginnt er zu gähnen; und die voice over, der alleswissende Ton aus dem Nichts, ist höchstens Woody Allen noch gestattet - und der dreht fürs Kino. Im Fernsehen will man zu jeder Stimme die Nase sehen. Und man bevorzugt Computermusik.
Ist das wirklich so? Aber nein - Der Zuschauer von heute will Tempo und Ruhe. Vielfalt (des Programms, der Stile) führt zu Differenzierung, und das heißt beim Femsehen: Was früher das Gesamtprogramm prägte, findet sich heute als Spezialität. Sicher, man muß suchen, und das ist lästig. Dafür entdeckt man dann manchmal Dinge, auf die man nicht gefaßt war.
Zum Beispiel "Mekong", ein Vierteiler, dessen Hauptdarsteller ein 4900 Kilometer langer Fluß ist, ein großes, ruhiges, noch unbegradigtes und völlig reines Wasser, das sozusagen kongenial von Bernd Girrbach plus Team verfilmt worden ist: ruhig, klar, mit dem Atem alter Kulturfilme, die noch alle Zeit der Welt hatten und einst im Kino vor dem Hauptfilm liefen.

Girrbach und Co. haben gegen viele Hindernisse auch politischer Natur ankämpfen müssen, ehe sie in Tibet, Laos, Kambodscha und Vietnam Dreherlaubnis und Unterstützung erhielten. Die Mühe hat sich gelohnt. Entstanden ist eine Natur- und Kulturgeschichte Indochinas, wie sie so nur in Opas Fernsehen möglich ist: die Kolonialzeit, der Krieg, die Zerstörung, der Neuaufbau, die Tradition, die Armut, die Hoffnung: Das alles wird Bild, große Photographie, wird "Story" durch die wiedererkennbare Hauptfigur, die durch den Film leitet und ihr Leben erzählt. Die Welt soll immer kleiner werden und immer homogener? Von wegen. In Laos regiert, heißt es, eine sozialistische Partei, die marktwirtschaftlich orientiert ist. In Wahrheit regieren Armut und uraltes Herkommen. Ein Priester spricht: "Laßt den Mekong fließen, so wie er ist, für immer", und drückt damit aus, wie die Fischer und Bauern und Mönche fühlen. Aber vor kurzem wurde hier die erste Mekong- Brücke eingeweiht, ein Wasserkraftwerk soll gebaut werden. Die Zukunft rückt an, und die Welt wird doch kleiner. "Mekong" ist eine Koproduktion vom Bayerischen Rundfunk, Südwestfunk und Westdeutschen Rundfunk. Versäumen Sie diese Sendungen nicht, werfen Sie doch einmal einen Blick auf die Tempel von Angkor, seien Sie dabei beim Wasser- und Fruchtbarkeitsfest am Fluß und bei der Vorstellung des "Kulturbootes", eines schwimmenden Tourneetheaters. Staunen Sie über die Spannung, die aus der Ruhe kommt.
Barbara Sichtermann

 

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG /
30.01.99
 

Sesam öffnet sich

Reise ins Rätsel-Reich: "Das verschlossene Libyen" (Bayern)


Nicht nur die Islamische Republik Iran, auch das revolutionäre Libyen feiert in diesem Jahr Jubiläum: Vor dreißig Jahren ergriff der glühende arabische Nationalist Oberst Gaddafi, ein Anhänger Nassers, die Macht und krempelte sein Land - bis dato eine Monarchie traditionalistischen Zuschnitts - von Grund auf um. Gaddafi schuf die "Volks-Dschamahirijja", den basisdemokratischen, nach eigenem Verständnis sozialistischen "Volksmassenstaat". Das Image des Landes blieb bis heute schlecht: Vorwürfe, es unterstütze den internationalen Terrorismus ("La Belle" "Lockerbie") sind bis heute nicht widerlegt worden.
Doch neue politische Entwicklungen im Land geben den Blick frei. Erstmals durfte ein deutsches Fernsehteam ausführlich in Libyen drehen. Das Ergebnis sind zwei einstündige Berichte, die die Politik nur implizit darstellen, sich dafür mehr um Land und Leute konzentrieren. Der Zweiteiler wird am 30. Januar und am 6. Februar im Bayerischen Fernsehen zu sehen sein. Gaddafis Person wird nur beiläufig erwähnt, in den beiden Filmen entsteht aber ein faszinierendes Panorama eines Landes, in dem sich - nicht zuletzt dank der umfangreichen Öleinnahmen - vieles gewandelt und modernisiert hat, aber auch alte Lebensformen und Traditionen noch immer gepflegt werden.
Die Zuschauer werden in den Berichten nicht von allwissenden Autoren belehrt, sondern auf unterhaltsame Weise informiert. Es sind Reportagen im besten Sinne. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren jeweilige Lebenswirklichkeit auch von der Gegend abhängt, in der sie leben; und die Autoren lassen die Menschen weitgehend selber sprechen. Da ist der Kamelhändler Ahmed in Tripolis, der "Teilzeitnomade" Musa am Rande der Wüste, der zum Volk der Berber gehört; dann Ali Isa vom früher so stolzen Stamm der Tuareg, Der keine Kamele mehr verkauft, sondern mit dem Lastkraftwagen über Wüstenpisten fährt. In Sebha begleiten die Autoren eine junge Ärztin, die sich auch als Anwalt der Frauen versteht. In Tripolis schliesslich begegnen sie einer jungen Modeschöpferin, die bei Cardin in Paris ihr Handwerk gelernt hat und nun traditionelle Trachten der Libyer zu moderner Mode verarbeitet.
WOLFGANG GÜNTER LERCH

 

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
30/31.01.99
 

Nicht jeder wird Terrorist

Samstag: Beginn einer zweiteiligen Dokumentation über Libyen

20:15 BR. Der große Revolutionsführer kommt nur als Wand bild vor, und der Zuschauer stellt fest, dass nicht jeder in Libyen zum Terroristen ausgebildet wird. Im Gegenteil: Da gehen die Leute tatsächlich normalen Berufen nach, als LKW-Fahrer, Bauer, Modedesignerin und städtischer Angestellter, oder - etwas exotischer als Kamelhändler. Und weil dazu noch eine geradezu überwältigende Landschaft gehört, mitsamt Meer, Wüste, Ruinenstädten und Steinzeit-Graffiti, scheint Libyen nach diesem Doku-Zweiteiler geradezu prädestiniert, der nächste heiße Touristentip zuwerden (vom Nachtleben einmal abgesehen). Die filmische Rundreise durch den Ölstaat Khadhafis sei, so die Produzenten, der weltweit erste umfassende Fernsehfilm über dieses unbekannte Land. Jedenfalls haben die Filmemacher soviel Material in die zwei Teile gepackt, daß man häufiger einhalten wollte, um mehr zü erfabren über das eine oder andere. Was genau hat es mit den wandernden Wüstenseen auf sich? Unterstützte Oberst Khadhafi nicht die malerischen Tuareg in ihrem Aufstand in Mali und Niger? Auch zum großen "menschengemachten Fluß", Libyens Vorzeigeprojekt, hätte man gerne noch mehr gehört. Der Film konzentriert sich auf Menschen und ihren Alltag, herausgekommen sind ethnologische, historische oder soziologische Impressionen, die ein interessantes, dabei aber unpolitisches Bild Libyens ergeben. Dieses Manko wird jedoch verständlicher, wenn man bedenkt, daß einKamerateam in Libyen praktisch keinen Schritt.tun kann, ohne mindestens einen "Fremdenführer", "Übersetzer" oder anderen freundlichen Aufpasser an seiner Seite zu haben, der dafür sorgt, daß nur das passende Bild in den Film kommt. (Der zweite Teil folgt näch sten Samstag, 20.15 ühr.) PETRA STEINBERGER,

 

MANNHEIMER MORGEN
01.02.99
 

Wertvoll

Von Petra Hirschel
"Libyen - Reise in ein unbekanntes Land (1)" (BR 3): Terrorismus, Waffenfabriken, Gaddhafi - in der westlichen Welt hat Libyen ein schlechtes Image. Doch was wissen wir wirklich über diesen Wüstenstaat? Über seine Menschen, seine Kultur? Wenn wir ehrlich sind: Fast nichts. Um so wert-. voller ist daher die zweiteilige Dokumenta-. tion üher den nordafrikanischen Staat. Erstmals gelang es einem Filmteam, eine fast uneingeschränkte Drehgenehmigung zu erhalten und so die libysche Gesellschaft aus einem anderen Blickwinkel heraus zu portraitieren. Die Autoren rücken die Politik weitgehend in den Hintergrund. Was sie interessiert, ist nicht der umstrittene Gaddhafi, sondern der Alltag des Beduinen-Volkes. Sie begleiten einen Kamelhändler auf den Viehmarkt, folgen einem Lkw fahrenden Tuareg, schauen in die Zelte von "Teilzeitnomaden" und unterhalten sich mit einem Händler. Es sind die Menschen (ausschließlich Männer), und nicht die Autoren, die über ihr Leben erzählen. Und so gelingt es, Sympathie für ein unbekanntes Volk zu wecken. ,

 

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG /
08.05.00

Märchenland

Zeitreise durch die Wüste: "Drei Wege nach Samarkand" (Arte)


Timurs Metropole, die Stadt Samarkand, bildet den Knotenpunkt für die dreiteilige Dokumentation "Drei Wege nach Samarkand". Es ist eine charmante Idee von Rolf Lambert und Bernd Girrbach, den Zuschauern die Region zu erschließen, indem drei Reiserouten vorgestellt werden. Der erste Teil, der am Wochenende gezeigt wurde, war die "Spur des Propheten" überschrieben. Er zeichnete den Weg nach, den der Islam im siebten Jahrhundert genommen hatte: durch die Wüste Karakum, wo die einstigen Nomaden unter der Herrschaft des Sowjetreichs in die Sesshaftigkeit gezwungen wurden, zogen die Araber weiter in das antike, inzwischen verfallene Merv, das im Jahr 673 als ihr erstes Heerlager fungierte. Von der Oasenstadt Merv aus, die heute völlig verfallen ist, begann die Islamisierung Zentralasiens ins Kernland hinein.
Inszeniert war der Film als Duo für zwei Stimmen: Eine Sprecherin und ein Sprecher wechseln sich bei den Erklärungen ab. Deutlich wurde in der ersten Folge, dass die Menschen Zentralasiens heute einen Islam praktizieren, der weniger fundamentalistische Züge aufweist, sondern vielmehr auf unterschiedliche Weise durchsetzt ist von Volksbräuchen, Aberglauben und Mystik. "Drei Wege nach Samarkand" ist eine sorgfältig recherchierte manchmal fast didaktisch anmutende, aber nie aufdringliche Dokumentation,
SlLKE SCHEUERMANN

 

AUSBURGER ZEITUNG
07.10.00

Als Samarkand leuchtete

Dreiteilige Dokumentation des BR stellt Kultur und Menschen Zentralasiens vor


Von unserem Redaktionsmitglied Rupert Huber
Alle Wege führen nach Rom; sagt man: In Zentralasien gab man sich bescheidener. Da sind es drei bedeutende Wege, die zum Ziel führen. "Drei Wege nach Samarkand" ist deshalb eine dreiteilige Kulturdokumentation betitelt, deren erster Teil "Die Spur des Propheten" an diesem Samstag um 20.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen ausgestrahlt wird. Zentralasien verbindet Orient und Okzident. Wie eine riesige Region ihren Weg sucht zwischen sowjetischem Erbe, westlichem Einfluss und ihren orientalischen Wurzeln, das zeigen die drei jeweils einstündigen Filme. Gedreht hat sie die kleine Heidelberger Produktionsfirma "Along Mekong". Im Mai hatte bereits arte die Produktion gesendet. Von der Ausstrahlung zur besten Sendezeit am Samstagabend erhoffen sich BR,wie Produktionsfirma respektable Einschaltquoten . Uns ging es darum, die kulturelle Einzigartigkeit dieser Region zu zeigen, aber auch die Menschen, die in ihr leben", erzählt Bernd Girrbach, der zusammen mit Rolf Lambert das Konzept der Reihe entwickelt und Regie geführt hat. Über ein halbes Jahr wären Lambert und Girrbach in den fünf zenträlasiatischen Staaten Usbekistan, Kirgisien, Turkmenistan, Tadschikistan und Kasachstan unterwegs. Kamerafrau Elke Werry drehte auf 5000 Meter hohen Ge birgspässen und in 50 Grad Wüstenhitze. "Die 50 Grad hatten wir teilweise schon um sechs Uhr morgens", erzählt Girrbach, der Wert darauf legt dass es in seiner Firma keine Hierarchie gibt. "Wir sind ein Quartett, zu dem auch noch unser Cutter Manfred hinke gehört." Was die Vier mitgebracht haben aus den fernen Ländern, sind faszinierende Einblicke in eine uralte Kultur-Region.
Samarkand - das steht für Bubenträume von großen Abenteuern, für islamische Baukunst, für schmucke Karawanen, für Reiterhorden. Ein mythischer Ort an der legendären Seidenstraße. 70 Jahre gehörte Zentralasien zur Sowjetunion. Als die zusammenbrach, wurden die fünf ehemaligen Sowjetrepubliken unabhängig. Abseits offizieller Kanäle Die "Along Mekong"-Crew wusste, wie sie vorgehen musste. "Lass dich auf die Menschen ein", sagt Girrbach, "abseits offizieller Kanäle erreicht man viel, wenn man sich zu den Einheimischen setzt". So berichtet er, wie das Team im Norden von Kasachstan eine zunächst wideirufene Drehgenehmigung in der Eisenbahn bekam. "Eine Nacht mit viel gemeinsam vertilgtem Wodka hat uns da weitergebracht " Der Name "Along Mekong" stammt aus der Zeit um 1992/1993, als das Team als erstes einen Film im neuen Südostasien drehte, "das sich eben der Welt geöffnet hatte". Damals schlugen die Heidelberger so renommierte Firmen wie National Geographic und die Cousteau-Produktion. ' "Drei Wege nach Samarkand", Bayerisches Femsehen, samstags um 20.15 Uhr: ·
Die Spur des Propheten: 7. Oktober. ·
Die Spur der Seide: 14. Oktober. ·
Die Spur der Reiter: 21. Oktober

 

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
26.01.02

Vorzügliche Annäherungen an Samarkand

vss. Mittelasien - für viele hierzulande ist die ausgedehnte Region zwischen Europa Nahost, Indien, China and Russland terra incognita. Wäre sie nicht einst Mittelpunkt der historischen Seidenstrasse und, in jüngster Zeit, Aufmarschgebiet für die Einsätze in Afghanistan gewesen, wüssten wahrscheinlich noch viel weniger, wo Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan liegen. Stellt man solches in Rechnung, haben die Heidelberger Along Mekong Productions um Bernd Girrbach und Rolf Lambert über drei Wochenenden hinweg im Bayerischen Fernsehen veritable Bildungs- und Aufklärungsarbeit geleistet. In den drei einstündigen Reportagen "Drei Wege nach Samarkand" haben sie die dortige Welt unter politischen, wirtschaftlichen und kulturellen, Aspekten vorgestellt, die Geschichte wie die Gegenwart. Auf drei Wegen näheren sie sich dem historischen Zentrum und erschlossen so Stück für Stück das Land, porträtierten die Leute. Die erste Etappe führte von Westen her auf Samarkand zu und dokumentierte das Vorrücken des die Region noch heute prägenden Islams. Der zweite, im Osten einsetzende Weg öffnete den Blick für die wirtschaftliche Entwicklung - die Stichworte waren da Seide und Baumwolle. Der dritte schliesslich folge, von Norden her, den Spuren der wilden Reiterhorden, welche einst die kulturelle Basis der Region legten. Jede dieser vorzüglichen Reportagen vermittelte umfassende Einblicke. In "Der Weg des Islams" wurden muslimische Hochburgen wie Buchara und Merw besucht. Gewaltige Moscheen, Mausoleen und Medresen (Hochschulen) bezeugen sowohl eine grosse Vergangenheit wie den Fixpunkt für eine neue Identität nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mächtige: Architekturen, feine Keramik und prächtige Farben erzählen von der Erhabenheit einer Kultur, die heute wieder zum Leben erwacht. Und ganz en passant flochten die Autoren hier ein, wie sich weitab vom arabischen Zentrum der Weltreligion ein eigenständiger, gemässigter und volkstümlicher Islam her ausgebildet hat. Ebenfalls zu erfahren war -- eine selbst kunstwissenschaftlich geschulten Betrachtern nicht sehr geläufige Erkenntnis --, dass die bekannten Herrscher- und Heiligenmausoleen der muslimischen Welt auf die kubusförmigen Bauten Zentralasiens zurückzuführen sind. Fein miteinander verwoben, bezeugten auch die zweite und die dritte Reportage Facetten jenes Raumes und seiner Kultur. In "Der Weg der Seide" standen die weiten eindrucksvollen Landschaften, die hohen Berge und fruchtbaren Taler im Mittelpunkt, ebenso wie alte Herrscherstädte, Markt - und Umschlagplätze, in denen stets der Handel zwischen Ost und West, Nord und Süd blühte. Und natürlich die beiden wichtigsten Produkte: Baumwolle und Seide. Von ihrer Erzeugnis und dem Export vermochte man sich ein anschauliches Bild zu machen anhand von Einblicken ins dörfliche Leben, in Familien - und. Staatsbetriebe, deren Alltag einiges mitteilte von den Schwierigkeiten, sich auf dem freien Markt behaupten zu können. "Der Weg der Reiter" beschäftigte sich darin mit Eroberern- wie Dschingis Khan sowie Traditionen wie der Gastfreundschaft - einerseits eine Reportage über die Lebensformen der Ahnherren, anderseits über das Heute, in dem diese Traditionen weiterwirken. Am Ende jeden Berichts: Samarkand, die Metropole Timurs, die ("schönste Stadt der Welt", die "Perle des Orients". Von der einstigen Grösse zeugen noch heute die prachtvollen Kuppeln, vor allem deren in der gleissenden Sonne strahlendes Blau. Wie keine andere Stadt der Region war Samarkand politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, Hauptstadt vieler mächtiger Herrscher, Umschlagplatz wertvoller Waren und Hochburg von Kunst und Wissenschaft; dass im 14. Jahrhundert Gelehrte die Länge des Jahres bis auf 55 Sekunden genau zu berechnen wussten, war nur eine der hier unaufdringlich beigegebenen Informationen. AIle diese Attribute hatten gültigkeit bis zur Machtübernahme der Sowjets. Heute erinnert man sich wieder an sie und sucht ihnen aufs Neue gerecht zu werden. Vielleicht tragen Dokumentationen wie "Drei Wege nach Samarkand" mit dazu bei, dass man dies auch in anderen Teilen der Welt langsam zur Kenntnis nimmt. (Bayern 3, 5., 12., 19. Jan.)

SPIEGEL
Nr. 36/01.09.03

360 Grad - die Geo Reportage: Mission Nordkorea

(Spiegel TV-Vorschau,Seite 85)

Wenn der Zuschauer es nicht wie in dieser stillen und eindringlichen Reportage von Elke Werry und Bernd Girrbach mit eigenen Augen sehen könnte, er würde nicht glauben, dass es einen Ort auf der Welt gibt, an dem Irrsinn und Elend so schrecklich herrschen wie in Nordkorea.
Die Reporter begleiten einen Verantwortlichen der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der in Kinderhorten, Läden und sozialistischen Wohnsilos die Verteilung von Rindfleisch aus Deutschland an die hungernde Bevölkerung kontrolliert. Zwar werden Unkorrektheiten nicht festgestellt, aber die Tristesse des von der Welt abgeschotteten Landes wird sichtbar: im Wachstum zurückgebliebene Kinder, Rohbauten mit eisigen Wohnungen ohne Strom und Heizung, wegen Energiemangel verdorrte Reisfelder.

Gespenstisch die Gegenwelt zum Elend: der stalinistische Kitsch mit der Vergötterung von Kim Il Sung und seinem heute herrschenden Sohn. Dazu bietet der Film einen grotesken Höhepunkt: Eine bildschöne, regimetreue Polizistin, fanatisch von der politischen Richtigkeit der herrschenden Ideologie überzeugt, dirigiert mit zackigen Gebärden den Verkehr auf einer fast unbefahrenen Kreuzung - der gespenstische Veitstanz aus einem Totenhaus.